Hannover. Die Kriminalpolizei ermittelt gegen den 46-jährigen Wohnungseigentümer wegen Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger und Ausbeutung von Prostituierten. Die Schülerin ist vermutlich Opfer eines sogenannten Loverboys geworden, der sie mit Schmeicheleien und Aufmerksamkeiten gefügig machte und dann zur Prostitution zwang.
Das Mädchen war am 17. Mai von zu Hause verschwunden. Im Zimmer der Jugendlichen machte die Mutter eine erschreckende Entdeckung: Auf einem Zettel hatte ihre Tochter stichwortartig verschiedene sexuelle Praktiken und Geldbeträge notiert. Offenbar hatte sich die 15-Jährige angeboten. Erst wenige Wochen zuvor hatte die Mutter in einem Fernsehbeitrag von den Machenschaften der Loverboys erfahren. In der Annahme, ihre Tochter könnte möglicherweise Opfer solcher Täter geworden sein, nahm sie Kontakt zur Stiftung „Stop Loverboys“ in den Niederlanden auf – eine Hilfsorganisation, die sich zunehmend auch mit Fällen aus Deutschland beschäftigt.
Mitarbeiterin Nadine Greve begann umgehend mit der Suche nach dem verschwundenen Mädchen. Die 35-Jährige hat selbst im Rotlichtmilieu gearbeitet und kennt die Szene. „Wir haben uns umgehört und die einschlägigen Internetseiten durchforstet“, sagt Greve. Anfang Juni kam von der Vermissten schließlich ein alarmierendes Zeichen: Das Mädchen meldete sich per Telefon bei seiner Mutter, weinte jedoch nur, ehe die Verbindung unterbrochen wurde.
Im August nun wurde Nadine Greve von „Stop Loverboys“ fündig: Auf einer Sexseite entdeckte sie drei Fotos eines Mädchens, das der vermissten Schülerin auffallend ähnlich sah. „Ich dachte erst, das kann doch gar nicht sein“, sagt Greve. Doch sie hatte einen Volltreffer gelandet. Über Kontaktleute gelang es der Stiftung, den Aufenthaltsort der 15-Jährigen herauszufinden. Zunächst hatten die Nachforschungen ergeben, dass die Jugendliche sich im Bereich Braunschweig aufhält, dann verdichteten sich die Hinweise auf Hannover. Am 3. August klingelten Beamte der Polizeidirektion Hannover schließlich an einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in der Fenskestraße in Hainholz und trafen dort tatsächlich auf die Schülerin. „Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass das Mädchen Opfer eines Loverboys wurde. Der junge Mann ist einschlägig in der Szene bekannt“, sagt Greve.
„Die Jugendliche wurde ihrer Mutter übergeben. Sie hat sich gegenüber den Ermittlern nicht zu den Vorfällen äußern wollen“, sagte gestern eine Sprecherin der Polizei. Die Beamten ermitteln nun gegen den Besitzer der Wohnung, stehen aber ganz am Anfang. Noch konnte nicht geklärt werden, welche Rolle er in dem Fall spielt. In Absprache mit dem Jugendamt kam die Schülerin in Schleswig-Holstein zur Betreuung in eine psychiatrische Klinik, doch von dort ist sie inzwischen verschwunden. Nach Angaben der Polizei Lübeck gibt es Zeugenhinweise, dass das Mädchen sich wieder in Niedersachsen aufhalten könnte.
Auch die Mitarbeiter von „Violetta“, der hannoverschen Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen, haben sich schon mit dem Thema Loverboys beschäftigt. „Uns ist kein konkreter Fall bekannt, aber es kommen immer wieder Anfragen von Eltern“, sagt Andrea Behrmann. Sie ist sich sicher: „Auch in Deutschland gibt es Loverboys. Es dringt nur nicht an die Öffentlichkeit.“
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