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Samstag, 04.06.2011:

Der Stuttgarter Sklavenmarkt

Sie wollen ihren Familien ein besseres Leben erkaufen - mit ihrem Körper. Die meisten Huren in Stuttgarts Rotlichtviertel stammen aus Osteuropa. Armut treibt sie in die Prostitution. Bis zu 16 Stunden am Tag schaffen sie an - sieben Tage die Woche.


Einmal in der Woche stoppt ein Bus aus Bulgarien in der Stuttgarter Altstadt und lädt wieder eine Wagenladung Frauen aus. Sie verstehen kein Deutsch. Sie wollen als Prostituierte arbeiten, um mit dem Geld die Familie zu Hause ernähren zu können. Kinder, Ehemann, Eltern. Armutsprostitution.

Auf den Frauen lastet ein enormer Druck. "Sie versuchen in kurzer Zeit so viel Geld wie möglich zu machen, um schnell wieder wegzukommen", berichtet Sabine Constabel. Sie kümmert sich seit zwanzig Jahren im Auftrag des Gesundheitsamtes um die Prostituierten in der Stuttgarter Altstadt. Ihre Anlaufstelle ist das Café "La Strada". Hier bekommen die Frauen ein warmes Essen, medizinische Versorgung und Zuwendung, die sie so bitter brauchen.

Wucherpreise für Zimmer

In den vergangenen Jahren ist aus der Armutsprostitution im Handumdrehen ein profitabler Wirtschaftszweig geworden, der die meisten alteingesessenen Huren verdrängte. Hier in den engen Gassen verdienen alle an der Ausbeutung der Frauen. Nur die Frauen nicht. Die Bordell-Betreiber und Zimmervermieter verlangen Wucherpreise. Zwischen 50 und 140 Euro für ein Zimmer müssen die Frauen bezahlen - pro Tag. Die 25 Euro, die das Finanzamt pro Zimmer und Tag sehen will, werden draufgeschlagen.

Die Frauen machen die Preise kaputt und am Ende sich selbst. "Der Schwanz berührt die Seele", sagen viele von ihnen. Ab 15 Euro bieten sie sich den Freiern an. Schwangerschaften sind nicht selten, viele treiben ab. Die Frauen schicken das verdiente Geld nach Hause.

"Das geht an die Würde"

"150 Euro sind dort richtig viel Geld", sagt Constabel. Viele seien traumatisiert. "Es ist ein fürchterlicher Sklaven- und Fleischmarkt, das geht an die Würde. Nicht nur an die der missbrauchten Mädchen sondern auch der Freier", sagt die Sozialarbeiterin. "Es ist kein Zeichen von Zivilisation, wenn Menschen so benutzt werden." Früher habe es in Stuttgart noch Huren gegeben, die sich für den Weg in die Prostitution aus freien Stücken entschieden hätten.

Der Stuttgarter Polizei sind die Hände gebunden. Den Zuhältern kann man nichts nachweisen, die Mädchen schweigen. "Was hier passiert ist eine sehr bedenkliche Entwicklung", sagt Wolfgang Hohmann, Leiter des "Ermittlungsdienstes Prostitution."

Kampf ums Überleben

Hohmann und sein Team schieben 24-Stunden-Schichten im Milieu. "Wir sind zum Schutz der Frauen da", sagt der Polizist. Die Beamten versuchten, dem Menschenhandel, der Zuhälterei und der Ausbeutung einen Riegel vorzuschieben. Aber ohne die Aussagen der Opfer sind sie machtlos. Fast 3.500 Frauen prostituierten sich 2010 im Stuttgarter Rotlichtbezirk, 77 Prozent von ihnen kamen aus dem Ausland, so die Polizei.

Die Armutsprostitution ist eine Art Durchgangsstation für viele Frauen in Notlagen. "Das ist kein Job in dem Frauen alt werden, oder den sie freiwillig wählen würden, wenn sie andere Chancen haben", sagt Sozialarbeiterin Constabel. Sie berät auch Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen. Jedes Jahr schaffen das hier rund 50.

Der Welthurentag am 2. Juni erinnert an hundert Prostituierte, die im französischen Lyoin mit einer Kirchenbesetzung auf ihre schlechte Situation aufmerksam machten. Vom Kämpfertum sind Stuttgarts Prostituierte allerdings Lichtjahre entfernt. Sie kämpfen ums nackte Überleben.



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