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Freitag, 06.05.2011:

Eigenen Kunden verprügelt

Zwei sogenannte Wirtschafter eines Bordells in der Reutlinger Albstraße müssen sich seit Donnerstag vor dem Schwurgericht verantworten. Ihnen wird versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.


Tübingen / Reutlingen. Die Angeklagten sollen am Abend des 5. Oktober 2010 einen zahlenden Kunden der Reutlinger Eros-Arena mit massiven Faustschlägen und Tritten so schlimm zugerichtet haben, dass er ins Reutlinger Krankenhaus gebracht werden musste.

Der 33-Jährige aus dem Steinlachtal soll das Bordell gegen 19 Uhr betreten haben. Warum der ältere der beiden Angeklagten ihn aus dem Etablissement wies und ihm schließlich vor dem Gebäude heftige Tritte versetzte, ist bisher nicht klar. Möglicherweise war eine Zigarettenkippe der Auslöser, die dem Mössinger zu Boden gefallen war. Als der sogenannte Wirtschafter dem Mössinger auch noch Reizgas in die Augen sprühte, war dieser nahezu handlungsunfähig.

Dennoch soll der Angeklagte ihm weitere Faustschläge versetzt haben. Der Mössinger sei auf die Straße getorkelt, bewegte sich aber, womöglich orientierungslos, wieder zurück zum Bordell. Auf dem dortigen Parkplatz sollen beide Angeklagte und ein bisher nicht ermittelter Mittäter den Mann mit Faustschlägen und Tritten vor allem gegen Gesicht und Kopf erneut angegriffen haben.

Laut Anklageschrift erlitt der Mössinger Prellungen am ganzen Körper. In seinem Gesicht waren unter anderem Jochbein, Kiefer und Kieferhöhle jeweils beidseitig zerschmettert. Seine Nase war dreifach gebrochen. Der linke Augenhöhlenboden war zur Kieferhöhle hin durchgebrochen, was eine Einblutung am linken Auge mit Beschädigung des inneren Augenmuskels zur Folge hatte.

Ein Hells Angel und ein Anwärter

Obwohl Dritte zu schlichten versuchten, sollen die Angeklagten erst dann von dem Mann abgelassen haben, als dieser blutüberströmt und regungslos am Boden lag. Nun sind beide wegen versuchten gemeinschaftlichen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor dem Schwurgericht angeklagt. Sie hätten tödliche Verletzungen des Mannes zumindest billigend in Kauf genommen, sagte Staatsanwältin Rotraud Hölscher.

Nach der Tat waren die Angeklagten zunächst flüchtig, wurden aber schnell festgenommen und sitzen seit dem Folgetag in Untersuchungshaft. Beide machten vor Gericht bisher keine Angaben. Der Jüngere der beiden, ein 24-jähriger Hausmeister, stellte sich schon eine Stunde nach der Tat in Begleitung seines Verteidigers Thomas Rall der Polizei. Der 24-Jährige ist Anwärter auf eine Mitgliedschaft bei den Reutlinger Hells Angels, sagte ein Reutlinger Kriminalbeamter als Zeuge.

Vermutlich habe der Angeklagte den Posten eines anderen Eros-Arena-Manns übernommen, der derzeit im Gefängnis sitzt. Außerdem gehöre er zum Kern der HKS 65, einer gewaltbereiten Gruppierung von 20 bis 30 Personen, die im Umfeld der Hermann-Kurz-Schule entstanden sei.

Der ältere Angeklagte ist Vollmitglied der Reutlinger Hells Angels. Zudem sei der 33-Jährige Kontaktperson des Rocker-Clubs zur HKS 65, sagte der Kriminalbeamte. Als der kahl geschorene Mann gegen 14 Uhr in Handschellen wieder in den Gerichtssaal geführt wurde, musterte er den Geschädigten, der auch Nebenkläger ist, mit abschätzig-drohenden Blicken.

Der Nebenkläger konnte sich gestern nur noch lückenhaft an den Tatabend erinnern. Er nahm damals seit zwei Jahren Methadon zur Therapie einer Opiat-Abhängigkeit. Diese Behandlung dauert noch an. Eine Blutuntersuchung soll bei dem Schwerverletzten Spuren von Alkohol und Betäubungsmitteln ergeben haben.

Der gelernte Maler konnte das Krankenhaus nach einem Tag verlassen, litt aber noch sechs Wochen an heftigen Schmerzen, berichtete er. Inzwischen habe er keine Beschwerden mehr. Sein Hausarzt habe zu einer Operation am Jochbein geraten, aber das habe er nicht gewollt. Anders als in einer früheren Polizeivernehmung erkannte der Nebenkläger gestern keinen der Angeklagten wieder.

Bereits am Vormittag musste Ingo Dura, Präsident der Reutlinger Hells Angels, einen Verweis des Gerichts wegen wiederholter lautstarker Zwischenrufe einstecken. Bevor es zu seinem von der Staatsanwältin beantragten Ausschluss vom Verfahren kam, verließ Dura mit einem weiteren seiner zahlreich erschienenen Clubgenossen türenknallend den Gerichtssaal. Der Prozess wird am Donnerstag, 12. Mai, fortgesetzt.

Info: Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Christoph Sandberger, Jürgen Walker; Schöffen: Birgit Adam, Alfred Jäck. Staatsanwältin: Rotraud Hölscher. Nebenklagevertreter: Thomas Merz. Verteidiger: Benjamin Chiumento, Thomas Rall, Thorsten Zebisch. Gutachterin: Dr. Maria-Christine Schieffer.



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