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Mittwoch, 19.01.2011:

Erospark Sindelfingen / Mit Provokationen gegen Sexsteuer

Sindelfingen - Mit öffentlichen, bewusst provokanten Auftritten machen die Prostituierten des Erosparks in Sindelfingen (Kreis Böblingen) zurzeit auf sich aufmerksam. Kurz vor Weihnachten marschierten sie ins Rathaus, um dem Oberbürgermeister Bernd Vöhringer eine goldene Uhr zu überreichen, am 9. Januar traten 25 Frauen, verborgen hinter goldenen Masken, beim Neujahrsempfang der Stadt auf und verteilten Zettel an die Besucher. Der Grund für diese Aktionen: die Prostituierten wehren sich gegen die vom Gemeinderat beschlossene neue Vergnügungssteuer. 150 Euro pro Monat muss seit Januar jede von ihnen an die Stadt zahlen. Die Steuer ist zwar bereits im August eingeführt worden, bis zum Jahresende aber hat der Bordellbetreiber die Kosten übernommen. In der Region Stuttgart erhebt nur noch die Stadt Leinfelden-Echterdingen eine ähnliche Steuer.

Seit 15 Jahren gibt es das Etablissement in Sindelfingen, das kontinuierlich ausgebaut wurde von anfangs 13 auf heute 57 Zimmer plus zwei Extraräume - unter anderem mit einem Whirlpool. Die Wirtschaftskrise sei fast spurlos am Erospark vorbeigegangen, sagt der Geschäftsführer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will: "Ich habe zwei Kinder und wohne hier in der Umgebung", erklärt er dies.

Eine ganze Stunde bucht kaum jemand



Das Bordell liegt günstig - nahe an der Autobahn, und das Daimlerwerk mit 38.000 Beschäftigten ist nur einen Steinwurf entfernt. Nebenan steht ein großer Baumarkt, auf dessen Parkplatz Mann unauffällig den Wagen abstellen könne. Eine Viertelstunde im Bordell, danach ein Abstecher in den Heimwerkermarkt, was durchaus mal als Alibi diene. Diese Viertelstunde, das ist die gängige Einheit, die die Freier im Erospark buchen. 30 Euro kostet dieser Service, eine halbe Stunde 50 Euro und eine volle Stunde 150 Euro. "Doch das bucht kaum jemand", sagt Maria Magdalena. Nur für die Presse nennt sie sich so. Auf der Homepage des Erosparks firmiert sie unter einem anderen Decknamen. Doch dieser soll nicht in der Zeitung stehen. "Nicht, dass ein Freier dann nicht mehr kommt wegen dem, was ich gesagt habe", meint die Mitdreißigerin.

Ihren richtigen Namen kennt auch im Bordell außer dem Geschäftsführer niemand. Denn Maria Magdalena, die aus einem osteuropäischen Land stammt, führt ein Doppelleben. Seit drei Jahren arbeitet sie je einen halben Monat im Erospark, die andere Hälfte verbringt sie daheim mit ihren Kindern - weit weg in einem anderen Bundesland. Die Kinder wissen nicht, wie ihre Mutter das Leben finanziert.

1700 Euro verdient sie durchschnittlich in zwei Wochen (Arbeitszeit von 11 Uhr morgens bis 2 Uhr in der Früh) nach Abzug der Zimmermiete von täglich 160 Euro. Darin enthalten ist auch die Pauschalsteuer von 25 Euro, die der Bordellbetreiber an das Finanzamt abführt, sowie die neue Vergnügungssteuer von fünf Euro am Tag. Dafür übernimmt der Bordellbetreiber den Betrieb: Ein Zimmerservice reinigt die Räume, auch Frühstück und Mittagessen sind im Preis inbegriffen.

Eine Frage des Geldes


In jedem Zimmer gibt es einen Notknopf, den die Prostituierte im Bedarfsfall drücken kann. "Einmal bin ich aus Versehen draufgekommen. Wenige Sekunden später standen zwei Sicherheitsmänner bei mir im Zimmer", sagt Maria Magdalena. Sie kennt auch andere Häuser, auch in der Region Stuttgart. "Doch hier ist es sauber, und ich kann selbst bestimmen, wann, was und wie viel ich arbeite, niemand macht mir Vorschriften. Sie könnte natürlich auch im Supermarkt an einer Kasse sitzen. "Doch dann verdiene ich nur 1000 Euro im Monat und brauche zusätzlich Hartz VI. Das will ich nicht."

Etwa 150 Euro weniger im Monat habe sie wegen der neuen Vergnügungssteuer nun im Geldbeutel. "Das ist für mich viel Geld". Steuerpflichtig ist eigentlich der Betreiber des Bordells. Doch er gibt die neue Abgabe an die Prostituierten weiter. "Unsere Rendite würde sich halbieren, wenn ich die Steuer übernehmen würde. Dann lohnt sich das Geschäft nicht mehr", sagt der Familienvater. Deshalb mobilisiert er die Frauen und organisiert die Protestaktionen. "Es trifft die Falschen", moniert er und hofft, dass der Gemeinderat seine Entscheidung noch einmal überdenkt.

Ingrid Balzer, die Fraktionschefin der Freien Wähler, sieht aber keinen Grund, die Vergnügungssteuer zurückzunehmen, die allein aus den Bordellen pro Jahr 100.000 Euro in die Stadtkasse bringen soll. "Wir belasten alle Bürger: Die Badegebühren steigen, die Kitagebühren für junge Eltern sogar um zehn Prozent. Wir können keinen ausnehmen", sagt Balzer. Andreas Schneider-Dölker, der Fraktionschef der SPD, spielt den Ball an den Bordellbetreiber zurück: "Wenn er diese Steuer an die Frauen weitergibt, sollte man sich überlegen, ob er die Frauen nicht ausbeutet." Der Geschäftsführer des Erosparks plant weiteren Protest. "Es fängt an, Spaß zu machen", sagt er. Ideen habe er einige. "Jetzt kommt ja der Landtagswahlkampf."

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2779422_0_7186_-erospark-sindelfingen-mit-provokationen-gegen-sexsteuer.html?_skip=1



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