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Montag, 06.12.2010:

Ihre Armut treibt Frauen in die Prostitution

Menschenhandel Frauen aus Nigeria sind eine begehrte Ware. In der Fremde sind die Täter oft die Einzigen, die die Opfer verstehen. Die Angst vor der deutschen Polizei ist groß. Der Schuldenberg wird immer höher. Nur wer mit den Behörden paktiert, kann hoffen, nach der Entdeckung noch zwei Jahre hier bleiben zu dürfen.

Die Frauen schließen einen Vertrag vor einem traditionellen Priester. Sie verpflichten sich, das Geld für die Vermittlung, die gefälschten Papiere und die Reise abzubezahlen. Zu dem Vertrag gehört ein Ritual: Der Priester sammelt Fingernägel, Haare oder Unterwäsche der Frau ein. Sie sind ein Pfand und sie verleihen ihm, so die Vorstellung, Macht über die Frau. Der Vertrag hat eine wirtschaftliche, aber eben auch eine spirituelle Ebene. Das Geld kann von der Familie in Nigeria vor einem örtlichen Gericht eingefordert werden. Der Familie aber droht zugleich, ebenso wie der den Vertrag abschließende Frau selbst, Böses, wenn der Vertrag nicht eingehalten wird. Das ist der Glaube.



Echimendi (Name geändert) ist 16 Jahre alt, als sie nach Paris gebracht wird. Schon am Flughafen wird sie von der Grenzpolizei festgehalten, dann aber doch wieder freigelassen. Ein von den Tätern bezahlter Anwalt hat Erfolg. Es ist unklar, ob Echimendi zu diesem Zeitpunkt schon weiß, dass sie in Europa als Prostituierte arbeiten soll; sicher aber ist, dass sie nicht ahnt, unter welchen Bedingungen sie das tun muss. Sie wird nach Deutschland geschickt und in ihre Arbeit eingewiesen. Die Bordelle wechseln. Die Polizei greift sie nach wenigen Monaten zum ersten Mal auf. Echimendi schweigt, wird wieder freigelassen und kehrt zu ihrer "Madame" zurück.



Anders als bei fast allen anderen Heimatländern befindet sich in Nigeria der Frauenhandel in Frauenhand. Als Nigeria durch das Erdöl in den siebziger Jahren reich geworden war, waren es nigerianische Händlerinnen, die von Italien aus Luxuswaren in ihre Heimat schafften. Als Nigeria wieder in Armut versank, entdeckten diese Frauen, dass man über die etablierten Strukturen mit dem Frauenhandel in Gegenrichtung noch mehr Geld verdienen konnte. Hinzu kommt: andere Frauen für sich arbeiten zu lassen ist für Zwangsprostituierte oft die einzige Möglichkeit, die eigenen Schulden abzahlen zu können.



Ihre "Madame" presst sie nicht nur zur Prostitution und beutet sie aus; sie ist für Echimendi in einem fremden Land zugleich die einzige Ansprechpartnerin, sie ist die Frau, die ihr Essen, Wohnung und Kleidung besorgt; sie übernimmt in manchen Augenblicken die Rolle der Mutter. Auch bei Zwangsprostituierten gibt es unterschiedliche Formen der Nötigung. Die junge Nigerianerin wurde von ihrer Zuhälterin, soweit man weiß, nicht körperlich misshandelt. Echimendi wird in einem anderen Bordell erneut aufgegriffen und, da sie noch minderjährig ist, von der Polizei in ein Kinderheim gebracht. Sie flieht und kehrt erneut zur "Madame" zurück.



In der irrigen Hoffnung, die Schulden rasch abzahlen zu können, fügen sich viele Zwangsprostituierte zunächst und versuchen hochmotiviert, möglichst viel Geld zu verdienen. Der Druck, der auch von den eigenen Familien kommt, ist enorm. Die Angehörigen verschließen oft die Augen davor, was ihre Töchter tun. Ohne Geld nach Hause zu kommen gilt als Schande.



Als Echimendi zum dritten Mal in die Hände der Polizei gerät, beginnt sie auszusagen. Das Bundeskriminalamt übernimmt die Ermittlungen. Die Polizei vermittelt sie an eine Beratungsstelle, die ihr eine geschützte Wohnung besorgt. Der einzige Schutz dort ist ihre Anonymität. Beim Einwohnermeldeamt gibt es einen Sperrvermerk; ihre Adresse wird nicht genannt. Mit Echimendi wird eine Legende eingeübt, damit sie den Menschen, mit denen sie in Kontakt kommt, ihre Anwesenheit erklären kann. Die Beratungsstelle hilft bei Behördengängen und den ersten Alltagsproblemen. Sie muss klären, als Echimendi des Schwarzfahrens bezichtigt wird, weil die Daten ihres Ausweises mit ihrer Monatskarte nicht übereinstimmen. Eine psychologische Betreuung will die junge Frau nicht haben: "Ich bin doch nicht bekloppt." Echimendi bekommt rund 200 Euro im Monat zum Leben; die Wohnung zahlt die Behörde. Sie erklärt sich bereit, vor Gericht gegen ihre Zuhälterin auszusagen. Daraufhin wird ihre Familie in Nigeria bedroht.



Die Opfer haben vier Wochen Zeit, sich zu entscheiden, ob sie als Zeuginnen vor Gericht zur Verfügung stehen. Weigern sie sich, droht die sofortige Ausweisung. Werden sie abgeschoben, müssen sie die Kosten dafür, bis zu 10 000 Euro und mehr, selbst bezahlen. Tun sie das nicht, dürfen sie nicht mehr nach Deutschland zurück. Sagen sie als Zeuginnen aus, erhalten sie eine Aufenthaltserlaubnis bis zum Ende des Prozesses, also für ein bis zwei Jahre. Die einzig realistische Hoffnung auf ein dauerhaftes Bleiberecht ist oft die Ehe mit einem Deutschen.



Die Ermittlungen ziehen sich hin. Echimendi besucht derweil einen Deutschkurs. Ihre Psyche fährt Achterbahn. Immer wieder leidet die junge Frau unter Panikattacken, Albträumen und Kopfschmerzen. Die größte Angst hat sie vor dem Tag ihrer Zeugenaussage. Eine Betreuerin begleitet sie zum Gericht. Unmittelbar vor ihrer Aussage kommt es zu einer Prozessabsprache. Die Angeklagte gesteht; Echimendi muss nicht mehr in den Zeugenstand. Ihre Zuhälterin wird zu einer milden Strafe von zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Echimendi bekommt ein Schmerzensgeld von wenigen Tausend Euro zugebilligt. Sie hat inzwischen geheiratet. Da aber immer noch einige Papiere fehlen, wird ihr Aufenthaltstitel nur um jeweils drei Monate verlängert. Von ihrer Familie in Nigeria wird noch immer Geld gefordert.



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