Stuttgart - Der Prozess gegen die mutmaßliche Chefin von vier Flatrate-Bordellen in Fellbach, Berlin, Heidelberg und Wuppertal geht am morgigen Freitag zu Ende. Die Urteile werden eher milde ausfallen, denn der schwere Vorwurf des Menschenhandels ist vom Tisch.
Nach langen Verhandlungen und fast endlosem Hin und Her haben sich die Beteiligten des Pussy-Club-Prozesses am Mittwoch auf eine Verfahrensbeendigung geeinigt: Geständnisse gegen Strafrabatt. Was in Wirtschaftsverfahren fast schon Usus ist, gestaltete sich vor der 6.Strafkammer des Landgerichts Stuttgart als äußerst schwierig.
Am späten Nachmittag war die Kuh vom Eis. Patricia F., die 26-jährige Hauptangeklagte, die allerdings seit geraumer Zeit nur noch als Strohfrau einiger Hintermänner gilt, wird wegen Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt zu drei Jahren Gefängnis verurteilt werden. Der Menschenhandel, der neben diesem Sozialversicherungsbetrug in der Gesamthöhe von 2,3 Millionen Euro zur Debatte gestanden hatte, ist von der Staatsanwaltschaft zurückgenommen worden.
Noch wichtiger für die junge Rumänin: Die Vorwürfe gegen sie in dem Parallelverfahren, in dem die Staatsanwaltschaft gegen den mutmaßlichen Chef der Pussy-Club-Kette ermittelt, werden eingestellt. Damit wird die von Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf vertretene Frau in wenigen Monaten auf freiem Fuß sein. Patricia F. hat rund ein Jahr U-Haft hinter sich.
Ebenfalls mit drei Jahren soll ein 27-jähriger Landsmann von Patricia F. bestraft werden, der bei den Pussy-Clubs mehrere Aufgaben erfüllte. Ein weiterer wichtiger Mitarbeiter (26) aus Rumänien wird mit zwei Einzelstrafen von 15 Monaten und 21 Monaten belegt werden. Bleiben zwei junge Rumäninnen und ein externer 30-Jähriger, der für die Werbung der Clubs zuständig war. Sie kommen wegen Beihilfe zum Sozialversicherungsbetrug mit Bewährungsstrafen davon.
Seit dem 17. Februar hat die 6. Strafkammer unter Vorsitz des Richters Andreas Arndt den bundesweit beachteten Prozess um die Flatrate-Bordelle geführt. In die Schlagzeilen waren die Pussy-Clubs durch ihre sogenannte Flatrate gekommen: Für 70 oder 100 Euro konnten sich Freier in den Bordellen unbegrenzt sexuelle Dienstleistungen kaufen.
Das Angebot galt seit März 2008 im ersten Pussy-Club in Heidelberg, später in Wuppertal und Berlin. Doch erst die Eröffnung der Filiale in Fellbach hatte für Empörung gesorgt. Am 26. Juni 2009 kam es zur Razzia in allen vier Bordellen. Seitdem saßen die Hauptangeklagten in U-Haft. Der Pussy-Club in Fellbach ist wieder zu einem normalen Bordell geworden. Die Clubs in Heidelberg, Wuppertal und Berlin laufen indes weiter.
Besondere Brisanz bekam der Prozess vor dem Landgericht Stuttgart Anfang März dieses Jahres, als die Polizei den mutmaßlichen Hintermann der Pussy-Clubs dingfest machte. Mehrere hundert Beamte hatten in verschiedenen Bundesländern, in Rumänien und in Spanien 19 Verdächtige festgenommen und 44 Objekte durchsucht. Der dickste Fisch im Netz: Der 33-jährige Rumäne, der als Kopf eines osteuropäischen Menschenhändlerrings gilt. Er konnte in Madrid geschnappt werden. Die Ermittlungen in diesem Fall dauern wohl noch rund zwei Monate.
Nach mehreren Telefonkonferenzen mit ihrer Behörde stimmten die Staatsanwältinnen am Mittwoch der Absprache schließlich zu. Die Angeklagten ließen ihre Anwälte daraufhin vor den Richtern sogenannte schlanke, sprich äußerst knappe Geständnisse vortragen. Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf zollte der Strafkammer Respekt. "Sie haben von Beginn an klargestellt, dass es hier nicht um moralische Einschätzungen, sondern um strafrechtliche Verantwortung geht." Auch ihre Kolleginnen und Kollegen dankten der Kammer für ein sachliches und faires Verfahren.
Am morgigen Freitag folgen die Urteile. In dem Folgeprozess gegen den mutmaßlichen Pussy-Club-Boss wird man einige Angeklagte wiedersehen.