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Sonntag, 21.08.2011:

Sittenverfall im Rotlicht-Milieu

Stuttgart. Das Leonhardsviertel in Stuttgart rutscht immer weiter ins Rotlicht-Milieu ab, warnen SPD-Lokalpolitiker. Die Mietpreise explodieren, immer mehr Gangs würden dort ihr Unwesen treiben.


Früher herrschte im Leonhardsviertel ein gesunder Mix aus Handwerk, privatem Wohnen sowie normalem und horizontalem Gewerbe. In den vergangenen Jahren habe sich das Verhältnis jedoch stark in Richtung Rotlicht verschoben. "Eines der ältesten Viertel der Stadt geht vor die Hunde", sagt Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, auf einem Rundgang mit der SPD-Gemeinderatsfraktion.

"Bewegt Euch von der Straße", ruft ein Mann aus einem Auto heraus in die Weberstraße. Prompt folgen zwei junge, leicht bekleidete Damen der Anweisung, rennen auf High Heels über das Kopfsteinpflaster und verschwinden im nächsten Hauseingang. Ist es ein Zuhälter oder ein Beamter der Sitte, der durch die Gassen der Altstadt brüllt? Die Meinungen der SPD-Delegation gehen auseinander. Sicher ist: Der Flurfunk im Rotlicht-Milieu funktioniert, denn die zwei Damen sind die Ausnahmen: Kaum eine Prostituierte steht während des Rundgangs der SPD-Stadträte auf den Straßen, die Gehwege sind gekehrt, das Leonhardsviertel hat sich rausgeputzt.

Doch der Schein trügt, denn "der Ton ist rauer geworden, von allen Seiten", sagt Veronika Kienzle. Bestes Beispiel sind die Mietpreise. "Für Wohnungen zahlt man mittlerweile mehr als im obersten Stock des Königsbaus." 150 Euro für acht Quadratmeter seien keine Seltenheit - allerdings pro Tag. "Frauen, die dort einziehen, sind innerhalb einer Woche verschuldet. Um über die Runden zu kommen, müssen sie mit mehr als fünf Männern am Tag schlafen. Das hat wenig mit freiwilliger Prostitution zu tun, sondern grenzt an Nötigung", so Kienzle.

Generell habe sich der Strich im Leonhardsviertel verändert. Den klassischen Luden mit Goldkette und Straßenkreuzer, der sich um seine Mädels "kümmert", gebe es nicht mehr. In den vergangenen Jahren treiben mehr und mehr osteuropäische Gangs ihr Unwesen und gehen dabei rigoros zu Werke.

"Die Mädchen sind oftmals noch keine 18 Jahre alt", schildert die Bezirksvorsteherin. Ab 15 Euro geht es los. Für diesen Dumpingpreis machen sie zum Entsetzen von Sozialarbeitern dann fast alles, häufig ohne Kondome. "Bevor sie Kontakt zu irgendeinem Hilfezentrum aufbauen können, werden sie quasi im Wochenrhythmus ausgetauscht und in die nächste Stadt verfrachtet."

In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Ausländeranteil der Prostituierten in Stuttgart von 39 auf 77 Prozent erhöht. "Über Jahrzehnte haben die verschiedenen Gewerbe nebeneinander funktioniert, seit sechs Jahren ist das Verhältnis aus dem Lot." Die Stadt müsse dringend nacharbeiten, denn es sei traurig, in welchen Unterkünften die Frauen arbeiten. Für deren Zuhälter sei es ein Leichtes, die Mädchen, die häufig aus Bulgarien oder Albanien stammen, gefügig zu machen. "In ihrer Heimat leben sie unter schlimmsten Bedingungen und werden schon im Kindesalter in die Elendsprostitution getrieben", erklärt Heinrich Huth, Inhaber der Jakobsstube. Nicht selten seien sie Analphabetinnen. In seiner Kneipe mitten im Leonhardsviertel verkehren viele Prostituierte, treffen sich auf einen Absacker und klagen dem Wirt ihr Leid. "Es fehlt im Milieu an Regularien. Wo dürfen Prostituierte auf der Straße stehen und wo nicht?"

Vor der Jakobsschule eher nicht, dennoch macht sich auch dort der Straßenstrich breit. "Damit die Schüler während des Sportunterrichts nicht mehr auf die Prostituierten blicken können, werden wir die Scheiben unserer Turnhalle mit Folie verdunkeln lassen", sagt Rektorin Helga Gostovic-Schnarhelt, die in den vergangenen Jahren mehr und mehr Ummeldungen zu beklagen hat. Komplett ausblenden könne man den Freierverkehr aber auch mit Folie nicht. "Spätestens auf dem Heimweg begegnen die Kinder Frauen und Freiern wieder."

Ein großes Problem im Leonhardsviertel, so Veronika Kienzle, seien auch die Immobilien-Verkäufe der Stadt. "Wir müssen Objekte zurückerwerben, um so die rudimentären Reste der historischen Altstadt zu retten", erklärt die Bezirksvorsteherin. Im Rotlicht-Milieu halten sich die Hausbesitzer nicht an Denkmalverordnungen und überpinseln alte Sandsteinfassaden mit "grellen Farben, die man nie mehr runter bekommt". Oder sie lassen ihre denkmalgeschützten Immobilien verkommen, bis irgendwann nur noch ein Abriss möglich ist. Bestes Beispiel: Das leer stehende Gebäude in der Jakobstraße 2, in dem sich Ratten und Tauben unweit des Taubenhauses in der Leonhardskirche unkontrolliert vermehren können. Da müsse man dringend reagieren.

"Zudem muss sich die Haltung im Gemeinderat rund um das Thema Leonhardsviertel ändern", klagt SPD-Fraktionschefin Roswitha Blind. Sobald es um Prostitution gehe, sehe sie immer nur ein "süffisantes Grinsen". Es werde Zeit, dass etwas passiert. Unter dem Motto "Rückeroberung der Stuttgarter Altstadt" haben die Grünen und die SPD-Fraktion daher einen Antrag gestellt, der die Situation verbessern soll.




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